Tuareg in Libya
Identities between Boundaries

This PhD research project dealt with constructions of identity of Tuareg in Libya. “We are all Libyans” was Mu´ammar al-Qaddafis revolutionary motto for decades. He pursuit an ideal of an ethnic homogenous nation state and constructed thus an Arabic-islamic model of identity. He denied ethnic (Berber, Tuareg, Tubu) or religious (Ibadi) minorities and propagated a unified society.

How is the situation among the Tuareg? When and under which circumstances are “tribal” affinities stronger, and in which situations one argues with belonging to the Libyan state. This was the central research question which was conducted among three actors:

  1. the Libyan nation state
  2. traditional on Libyan territory living Tuareg, referred to as Kel Azjer (Ajjer)
  3. to Libya migrated Tuareg from Niger (ishumar1)

The outcomes of the study resulted in a book:

Tuareg in Libyen
Identitäten zwischen Grenzen

Ines Kohl
Reimer Verlag, Berlin 2007
246 Seiten
51 Fotografien und 19 Abbildungen
Format 17 x 24 cm
E 35,-
ISBN 978-3-496-02799-7

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„Wir sind alle Libyer“ lautet Mu´ammar al-Qaddafis revolutionäres Motto. Demgegenüber steht die Prämisse vieler Tuareg in den benachbarten Staaten Algerien, Mali und Niger: „Wir sind frei. Wir haben kein Land und keinen Präsidenten.“ Doch wie verhält es sich in Libyen?

Dieses Buch ist eine sozialanthropologische Studie, die Strategien von Zughörigkeit aufzeigt, den Umgang mit staatlicher Macht verdeutlicht und die Rolle territorialer und soziokultureller Grenzen expliziert. Die Studie konzentriert sich auf Normen und Werte der libyschen Identität, untersucht die Schule als Vermittler staatlicher Ideologie, thematisiert Heiratspraktiken als Indikator in-formeller Sozialisation und beschreibt den transregionalen Handels-, Schmuggels- und Migrationsraum als Folge von Überschreitungen der staatlichen Loyalität.

Inhalt

Abbildungen 8
Fotografien 8
Vorwort 11
Dank 13
Verwendung von Begrifflichkeiten 15
Anmerkungen zur Transkription 16

1 Going Native
Im Anfang war … die Frage 22
Forschungsleitende Fragestellung 23
Methodische Vorgangsweise 24
Aufbau und Gliederung 26
Die Alltäglichkeiten der Feldforschung 32
Das regionale Feld 33
Das soziale Feld 35
Forschungsphasen und Prozesse 36
„Thrill data“ und lokale Tabus 39

2 Angewandte Traditionen
Imajeghen der Sahara 46
Begrifflichkeiten 47
Von Sprache und „Freiheit“ der Schrift 49
Kel Azjer im historischen Kontext 51
Die Spaltung von Kel Ahaggar und Kel Azjer 52
Der Verlust der Autonomie 52
Die Eingliederung 55
Schlussfolgerung 56
Soziale Hierarchie der Kel Azjer 59
Anstand, Ehre und Scham 69
Der Chèch: Ausdruck von Respekt 73
Scherz und Meidung 75

3 Konstruktionen von Identität
Stamm und Staat 82
Der Stamm als analytisches anthropologisches Modell 82
Tawshit und ettebel: Politische Organisation der Imajeghen 85
Libyen, eine Volksherrschaft mit tribalen Elementen? 86
„Die Familie, der Stamm und die Nation“ 87
Tribalisierungstendenzen 89
Libysche Identitätskonstruktionen seit 1969 93
Werte und Symbole der Volksrevolution 95
Freiheit – Sozialismus – Einheit 96
Minderheiten und Mehrheiten 99
Muammar al-Qaddafi s „grüne“ Ideologie 103

4 Normative Implikationen
Schule: Träger nationalstaatlicher Sozialisation 110
Libysche Bildungspolitik seit 1969 110
Die „Arabische Heimat“ im Zentrum der Lehre 111
Von Macht und Vorteil der Sprache 113
Beispiele aus dem Schulunterricht 114
„Liebesg’schichten und Heiratssachen“ 122
Über informelle Sozialisation oder die soziale Schule 122
Heiratswunsch und Alltagspraxis 123
Staatliche Implikationen 127
„Niger ist wie Frankreich und Libyen kennt keine Freiheit“ 129

5 Periphere Überschreitungen
Ishumar, „Borderliner“ der Sahara 140
Krisen, Dürren, Rebellion: letzter Ausweg Migration 142
Libyens Instrumentalisierung der Ishumar 144
Temujagha und Teshumara: zwei Identitätskonzepte 146
Temujagha, das „Tuareg-Sein“ 146
Teshumara, das „moderne Nomadentum“ 147
Toyota, Chèch und E-Gitarre 150
Toyota versus Dromedar 150
Der Chèch oder die Mutation der Tradition 152
„Süß wie die Liebe und bitter wie der Leben“ 153
Die „Rolling Stones“ der Sahara 154
„Going-off road“: Borderland Ghat 164
Zur Entstehung des Grenzlandes 165
Grenzen schaffen neue Räume 167
Handel und Schmuggel 168
Legal oder illegal, transregional oder transnational? 171
Das Leben im Transit 173
„Wenn das Leben weitergeht … “ 175

6 Analyse
Strategien der Zugehörigkeit 182
Grammars of Identity / Alterity 186
Von Spiegelbildern oder der Grammar of Orientalization 187
Ausgrenzen und doch Einschließen: the Grammar of Encompassment 189
Die „Gleichwertigkeit“ der Grammar of Segmentation 191
Rivalisierende Identitäten? 192
Zusammenfassung 197
Identitäten zwischen Grenzen 197
Schlussfolgerungen 199

7 Stadtgeschichten
Stadtgeschichten 206
Ghat 206
Tunin 212
Tadaramt 212
Al-Barkat 213
Fewet 215

8 Anhang
Bibliografie 222
Arabische Quellen 222
Schulbücher und Unterrichtsmaterialien 222
Wissenschaftliche Bücher und Artikel in europäischen Sprachen 223
Online-Ressourcen 235
Wörterbücher und Grammatiken 236
Musik 236
Glossar 238

Auszug aus dem Buch

1. Im Anfang war … die Frage (Seite 22–23)

Die Grenze zwischen Libyen, Algerien und dem Niger ist das Ergebnis der 18992 getroffenen Vereinbarung zwischen den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Italien. Dadurch wurde der Bewegungsraum der Nomaden der zentralen Sahara zerschnitten und musste einer differenzierten Staatspolitik mit unterschiedlicher nationaler Doktrin weichen. Dieser grundlegenden territorialen Separation folgten unterschiedliche soziopolitische Entwicklungen, deren vielschichtige Auswirkungen heute die Situation der Imajeghen3 prägen. Der Südwesten Libyens ist das Siedlungsgebiet der Kel Azjer Tuareg. Sie wurden infolge der kolonialen Grenzziehung und der anschließenden Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten zwei politisch völlig konträr orientierten Staaten zugeordnet: Libyen und Algerien.

Die Grenze zwischen Algerien und Libyen trennte das Siedlungsgebiet der Kel Azjer Tuareg. Familien wurden auf zwei Ländergeteilt. Dieser grundlegenden territorialen Separation folgten unterschiedliche soziopolitische Entwicklungen, deren vielschichtige Auswirkungen heute die Situation der Tuareg prägen (Foto: Ines Kohl, 2005)

Die Grenze zwischen Algerien und Libyen trennte das Siedlungsgebiet der Kel Azjer Tuareg. Familien wurden auf zwei Ländergeteilt. Dieser grundlegenden territorialen Separation folgten unterschiedliche soziopolitische Entwicklungen, deren vielschichtige Auswirkungen heute die Situation der Tuareg prägen (Foto: Ines Kohl, 2005)

Libyens arabisch-islamische Orientierung, Mucammar al-Qaddafis Ideologie von Gleichheit und Gerechtigkeit, die Einbindung von Minderheiten in den libyschen Staat, rezente Migrationsbewegungen sowie tribale Vorstellungen von Zugehörigkeit und Loyalität ergeben ein Spannungsfeld, in dem Grenzen verschwimmen, sich verschieben oder verlagern. Am Beispiel der in Südwest-Libyen rund um die Oase Ghat lebenden Imajeghen soll die Grenze als ein Instrument der Trennung, aber auch als ein Instrument der Vermittlung thematisiert werden. Politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Grenzen schaffen unterschiedliche Handlungsräume, in denen je nach Kontext andere Konzeptionen von Zugehörigkeit und Loyalität wirksam werden.

Das Territorium der Kel Azjer erstreckt sich auf die Region des Tassili-n-Azjer (Algerien) und des Akakus-Tadrart Gebirges (Libyen). Zentren sind heute die beiden Oasen Djanet und Ghat.

Das Territorium der Kel Azjer erstreckt sich auf die Region des Tassili-n-Azjer (Algerien) und des Akakus-Tadrart Gebirges (Libyen). Zentren sind heute die beiden Oasen Djanet und Ghat.

1.1 Forschungsleitende Fragestellung

Wann und unter welchen Umständen wirken tribale Affinitäten stärker und wann und in welchen Situationen wird mit staatlicher Zugehörigkeit argumentiert? So lautet die zentrale Forschungsfrage, die ich anhand dreier Gruppen von Akteuren thematisiere: Libyscher Staat, Kel Azjer und Ishumar4.

Das mit al-Qaddafis Revolution errichtete libysche Identitätskonstrukt stellt in diesem Sinn einen übergeordneten Rahmen dar, in dem zwei lokale Gruppen agieren: Traditionell auf libyschem Staatsgebiet lebende Imajeghen – Kel Azjer – und nach Libyen migrierte Imajeghen – Ishumar. Lokal bezieht sich hier auf einen räumlichen und zeitlichen Kontext, in dem die beiden Gruppen von Akteuren eingebettet sind. Somit bezeichnet „lokal“ hier die südwestlibysche Region rund um die Oase Ghat und konzentriert sich auf die rezente Situation mit einigen Rück-griffen auf historische Ereignisse, die letzendlich für die aktuellen Verhältnisse ausschlaggebend sind. Das Lokale kann jedoch niemals isoliert wahrgenommen werden sondern steht immer in einer Beziehung zu überlokalen Konfigurationen5. In diesem Fall wird der überlokale Einfluss vom libyschen Staat repräsentiert.

Für Libyens staatlichen Umgang mit Minderheiten lässt sich eine Kombination aus Assimilation mit gleichzeitiger Integration feststellen. Sie wurden politisch und ökonomisch Teil des Staates, während sie gleichzeitig das Recht zugestanden bekamen, gesellschaftlich ihre eigenen Traditionen, Sitten und Riten sowie ihre eigene Sprache zu pflegen (lt. Grünem Buch). Jedoch nicht uneingeschränkt. Denn Tamajeq und Tamazight werden in Libyen als Dialekte und nicht als Sprachen verstanden, ihr Gebrauch hat sich ausschließlich auf den familiären Raum zu beschränken und die Namensgebung muss auf Arabisch erfolgen.(Foto: Ines Kohl, Seite 91)

Für Libyens staatlichen Umgang mit Minderheiten lässt sich eine Kombination aus Assimilation mit gleichzeitiger Integration feststellen. Sie wurden politisch und ökonomisch Teil des Staates, während sie gleichzeitig das Recht zugestanden bekamen, gesellschaftlich ihre eigenen Traditionen, Sitten und Riten sowie ihre eigene Sprache zu pflegen (lt. Grünem Buch). Jedoch nicht uneingeschränkt. Denn Tamajeq und Tamazight werden in Libyen als Dialekte und nicht als Sprachen verstanden, ihr Gebrauch hat sich ausschließlich auf den familiären Raum zu beschränken und die Namensgebung muss auf Arabisch erfolgen.(Foto: Ines Kohl, Seite 91)

„Lokale Identitäten, Beziehungen, Repräsentationen formieren sich ja nicht notwendigerweise in Bezug auf einen abstrakten globalen Horizont, sondern vielmehr vor der Folie regionaler Verflechtungen, Austauschbeziehungen mit dem Staat, religiöser Zugehörigkeit oder Migrationsnetzwerke“6. Erst in der Beziehung zu anderen Objekten, Subjekten, Identitäten, etc. können lokale Ausformungen in ihrer gesamten Faccettenreichheit erkennbar und begreifbar gemacht werden. „Und je nach Vergleichsfolie wandeln die Objekte ihre Form in einer spezifischen Weise“7. Die von Joanna Pfaff-Czarnecka als Vergleichsfolien benannten Kontexte sind in meinem Fall von drei „Schlüsselsituationen“ charakterisiert:

  1. Schule als Träger nationalstaatlicher Sozialisation,
  2. Heiratspraktiken als Indikator informeller Erziehung und
  3. die Vernetzung von Handelsbeziehungen mit Migrationswegen.

Diese drei „Schlüsselsituationen“ eignen sich nicht nur zur Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen tribaler Affinität und nationaler Zugehörigkeit, sondern ergeben gleichzeitig einen Vergleich zwischen den beiden lokalen Gruppen von Akteuren. Denn erst durch den komparativen Ansatz werden die nationalstaatlichen Einflüsse sichtbar und interpretierbar.

Wie sehen nun die Interaktionen der staatlichen libyschen Prinzipien mit tribalen Vorstellungen von Zugehörigkeit und Abgrenzung aus? Werden Imajeghen als gleichwertige Bürger der Großen Libyschen Arabischen Sozialistischen Jamahiriya betrachtet und nehmen sie sich auch so wahr? Welche Rolle nehmen die nach Libyen migrierten nigrischen Imajeghen ein und wie interagieren sie sowohl mit dem Staat als auch mit den Kel Azjer?

Ghat ist heute die einzige Oase in der Sahara, in der sich Hausa als Umgangssprache erhalten hat und neben Arabisch und Tamajeq kommuniziert wird. Der Bevölkerungszuzug führte nicht nur zu einer sprachlichen, sondern auch zu einer Vermischung von Zugehörigkeiten. In der Gegend um Ghat sind Imajeghen und Araber eng miteinander verbunden, sodass Zugehörigkeit oft nicht über die Abstammung, sondern über gemeinsame Traditionen, Rituale und vor allem über die seit Generationen bestehende geografische Nähe definiert wird. (Foto: Ines Kohl, Seite 57)

Ghat ist heute die einzige Oase in der Sahara, in der sich Hausa als Umgangssprache erhalten hat und neben Arabisch und Tamajeq kommuniziert wird. Der Bevölkerungszuzug führte nicht nur zu einer sprachlichen, sondern auch zu einer Vermischung von Zugehörigkeiten. In der Gegend um Ghat sind Imajeghen und Araber eng miteinander verbunden, sodass Zugehörigkeit oft nicht über die Abstammung, sondern über gemeinsame Traditionen, Rituale und vor allem über die seit Generationen bestehende geografische Nähe definiert wird. (Foto: Ines Kohl, Seite 57)

Identitäten zwischen Grenzen (Seite 197–200)

Libyens Imajeghen, die Kel Azjer, sind durch eine zweifache Grenzziehung charakterisiert: eine geografisch-politische und eine ethnisch-soziale Grenze.

Das Siedlungsgebiet der Kel Azjer (rund um die Oase Ghat) wurde infolge der kolonialen Grenzziehung auf Algerien und Libyen aufgeteilt. Damit wurde ihr Lebensraum an die Peripherie des staatlichen libyschen Einflussbereiches gedrängt. Periphere Regionen sind jedoch keineswegs unbedeutende marginale Zonen, sondern repräsentieren die staatliche Macht und verdeutlichen ihre Grenzen. Des Weiteren sind Konzepte von Zentrum und Peripherie, gleich wie jene von Minderheiten und Mehrheiten, immer relativ und relational zueinander zu betrachten. Eines ohne das andere gibt es nicht, denn beide benötigen ihr jeweiliges Gegenbild um sich zu statuieren. Je nach Kontext können sie die jeweils gegenteilige Position einnehmen. Die Region von Ghat durchlief Phasen unterschiedlicher Einbindung in überlokale Kontexte: von transregionaler Bedeutung als Schnittstelle des Karawanenhandels, über Widerstandsbewegungen der Kel Azjer gegen koloniale Vorherrschaftsbestrebungen bis hin zu einer Marginalisierung infolge der territorialen Separation. Dadurch wandelte sich Ghat in ein klassisches „Borderland“. Aus nationaler libyscher Sicht ist die Oase an der Peripherie gelegen, aber im Rahmen rezenter Handels- und Migrationsbewegungen ist sie ein zentraler Ort, von dem aus die Wege beginnen und enden.

Periphere Regionen sind jedoch keineswegs unbedeutende marginale Zonen, sondern repräsentieren die staatliche Macht und verdeutlichen ihre Grenzen. Des Weiteren sind Konzepte von Zentrum und Peripherie, gleich wie jene von Minderheiten und Mehrheiten, immer relativ und relational zueinander zu betrachten. (Foto: Ines Kohl, Seite 4)

Periphere Regionen sind jedoch keineswegs unbedeutende marginale Zonen, sondern repräsentieren die staatliche Macht und verdeutlichen ihre Grenzen. Des Weiteren sind Konzepte von Zentrum und Peripherie, gleich wie jene von Minderheiten und Mehrheiten, immer relativ und relational zueinander zu betrachten. (Foto: Ines Kohl, Seite 4)

Die ethnisch-soziale Grenze der Kel Azjer wurde im Rahmen von al-Qaddafis nationalem Identitätsprozess mehr und mehr aufgelöst, relativiert und überbrückt. Sesshaftigkeitsbestrebungen, Arbeitsplatzschaffungen, Infrastrukturausbau und Binnenmigration in Kombination mit der staatlich propagierten Chancengleichheit lösten tribale Strukturen formal auf und glätteten die einst hierarchisch gegliederte Gesellschaft. Die Assimilationspolitik des Staates wird durch die Pflichtschule, dem Träger staatlicher Sozialisation, gefördert. Die Betonung der Arabischen Sprache und der „Arabischen Heimat“ im Unterricht bewirkten ein Umdenken der jungen Generation, die ihre Situation nicht mehr an den Missständen der Monarchie messen, sondern sich als gleichwertige libysche StaatsbürgerInnen betrachten und zwar jenseits der sozialen Stratifikation. Doch während man sich die Vorteile der staatlichen politisch-ökonomischen Reformen (Arbeitsmöglichkeiten, Erhalt subventionierter Lebensmittel, politische Mitsprache, etc.) aneignete, lehnte man sie auf einer lokalen sozialen Ebene gleichermaßen ab. Hier kommen tribale Konzepte von Zugehörigkeit und Abgrenzung zum Tragen: Heiratspraktiken können als Indikator der hier fortwirkenden sozialen Stratifikation angesehen werden. Herkunft und Abstammung einer Person bestimmen und legitimieren ihren sozialen Status in der Gesellschaft. Sie reichen in ihren extremsten Ausformungen von „Freien“ bis hin zu „Nachkommen ehemaliger Sklaven“. Die fortwährende Bedeutung der Stratifikation wird anhand isogamer, d. h. schichtinterner, Heiraten deutlich. Diese schließen an die Tradition der Imajeghen an und werden durch das kafa´a-Prinzip verstärkt, wonach ein Mädchen nicht an jemanden verheiratet werden darf, dessen Status unter dem ihrer Familie liegt. Die Verheiratung einer Frau an einen Mann aus einer niedrigeren Schicht wäre ein Verstoß gegen ihren eigenen Status und ihre Ehre und hätte unmittelbare Auswirkungen auf Ruf und Prestige ihrer gesamten Familie.

Ishumar, die nach Libyen migrierten nigrischen und malischen Imajeghen, sind durch eine doppelte Grenzziehung charakterisiert: eine innerethnische und eine staatlich-politische Grenze. (Foto: Ines Kohl 2007)

Ishumar, die nach Libyen migrierten nigrischen und malischen Imajeghen, sind durch eine doppelte Grenzziehung charakterisiert: eine innerethnische und eine staatlich-politische Grenze. (Foto: Ines Kohl 2007)

Ganz anders gestalten sich Zuschreibungen und Abgrenzungen von Ishumar, der nach Libyen migrierten nigrischen und malischen Imajeghen. Auch sie sind durch eine doppelte Grenzziehung charakterisiert: eine innerethnische und eine staatlich-politische Grenze.

Ishumar sind eine heterogene Entität unterschiedlicher geografischer und sozialer Herkunft, die als letzten Ausweg aus wiederkehrenden Dürren, Bürgerkrieg und staatlicher Unterdrückung die Migration wählten. Ishumar sind zugleich „neue moderne Nomaden“, deren Wanderungen ihren eigenen situativen Regeln folgen. Ihr Charakteristikum ist, dass sie jenseits der tribalen Ordnung agieren. Ishumar brechen die traditionellen Normen und Werte auf, nehmen sich spezielle Elemente heraus, verändern sie und stellen sie in einen neuen Kontext. Damit agieren sie mit Attributen als Ausdrucksformen von Zugehörigkeit, wie sie der Toyota oder der Chèch, der Gesichtsschleier der Männer, verdeutlichen. Gleichzeitig aber bewahren sie die überlieferten Traditionen indem sie einen neuen Musikstil kreierten, der mit metaphorischen Texten ihrer Frustration Stimme gibt, Protest gegen die herrschende Situation ausdrückt und zur Bewahrung ihres Erbes aufruft. Diese kulturelle Kreativität ist ein beeindruckendes Beispiel für „kreative Aneignung“.

Während al-Qaddafi die Ishumar in unterschiedlichen Abständen im Land willkommen heißt, so grenzen sich die Kel Azjer von ihnen ab; zu unterschiedlich sind ihre Lebenspraktiken, Norm- und Wertmaßstäbe. Die Ishumar ihrerseits grenzen sich ebenfalls von den Kel Azjer ab. Diese beiderseitige „herabsetzende Meidung“ wird von orientalisierenden Stereotypen und Klischees dominiert. Ishumar eignen sich allerdings temporär lokale Handlungsweisen an, um in der Migration möglichst reibungsfrei leben zu können. Diese Option von Agency bezeichnete ich als „Sich Arrangieren“. Im Unterschied zu einer kreativen Aneignung, die bleibende Elemente inkorporiert, legen Ishumar alle angeeigneten Elemente nach Gebrauch wieder ab.

Tribale Konzepte von Zugehörigkeit und Abgrenzung spielen eine große Rolle: Heiratspraktiken können als Indikator der hier fortwirkenden sozialen Stratifikation angesehen werden. Herkunft und Abstammung einer Person bestimmen und legitimieren ihren sozialen Status in der Gesellschaft. (Foto: Ines Kohl, 2007)

Tribale Konzepte von Zugehörigkeit und Abgrenzung spielen eine große Rolle: Heiratspraktiken können als Indikator der hier fortwirkenden sozialen Stratifikation angesehen werden. Herkunft und Abstammung einer Person bestimmen und legitimieren ihren sozialen Status in der Gesellschaft. (Foto: Ines Kohl, 2007)

Die staatlich-politische Grenzziehung drückt sich in einer Oszillation zwischen legaler Anerkennung und illegaler Umgehung aus. Aufgrund fehlender Papiere sind Ishumar illegale Migranten in Libyen, die jedoch staatlich toleriert werden, da al-Qaddafi im Sinne seines Freiheitsgedankens Imajeghen seit Anbeginn seiner Revolution unterstützt, wenngleich er sie in der Vergangenheit oftmals für seine Interessen instumentalisierte. Ishumar umgehen die politische Grenze und setzen sich über staatliche Loyalitäten hinweg. Sie sind „Borderliner“, Grenzgänger der Sahara. Mit dieser Option von Agency, die ich als „Umgehung“ bezeichne, agieren sie keineswegs revolutionär. Erst die Grenze machte es möglich, dass sie im Drei-ländereck von Libyen, Algerien und dem Niger einen transregionalen Handlungs- und Bewegungsraum etablieren konnten, indem die Grenzen zwischen Handel, Schmuggel und Migration verschwimmen. Diese Aktionen sind aber nicht als subversive Ökonomie zu kennzeichnen, die die nationale Wirtschaft schädigen, im Gegenteil; sie helfen die Unausgewogenheit des lokalen Warenangebotes auszugleichen.

Interessant für die Region ist, dass auf einer lokalen Ebene tribale Zugehörigkeiten nicht exklusiv über Abstammung und Herkunf, sondern auch über gemeinsame Traditionen und Rituale und vor allem über die seit Generationen bestehende geografische Nähe definiert werden. (Foto: Ines Kohl, Seite 185).

Interessant für die Region ist, dass auf einer lokalen Ebene tribale Zugehörigkeiten nicht exklusiv über Abstammung und Herkunf, sondern auch über gemeinsame Traditionen und Rituale und vor allem über die seit Generationen bestehende geografische Nähe definiert werden. (Foto: Ines Kohl, Seite 185).

Schlussfolgerungen

Während in Mali, Niger und Algerien Imajeghen einer politischen, ökonomischen und sozialen Marginalisierung bis hin zu einer massiven Unterdrückung ausgesetzt sind, so ist ihnen in Libyen die Möglichkeit einer (begrenzten) Artikulation gegeben. Das bringt jedoch mit sich, dass Imajeghen unter das Konglomerat der „arabisch-islamischen Libyer“ subsumiert werden. Im Zuge dessen wird ihre ethnische Zugehörigkeit negiert und manipuliert. Gleichzeitig jedoch werden Tuareg von staatlicher Seite als stolzes Erbe Libyens mit historischer Dimension hoch geschätzt, deren Verbundenheit zur Sahara und zum Nomadentum den persönlichen Hintergrund des Revolutionsführers widerspiegelt.

Auf einer lokalen Ebene werden tribale Zugehörigkeiten nicht exklusiv über Abstammung und Herkunft sondern auch über gemeinsame Traditionen und Rituale und vor allem über die seit Generationen bestehende geografische Nähe definiert. Arabische Stämme bezeichnen sich als Imajeghen, Nachfahren des Propheten sprechen Hausa und ehemalige Hausa kommunizieren auf Tamajeq. Dieser Umstand tritt uns ausschließlich in Ghat entgegen, wo aufgrund der historischen Bedeutung der Oase als zentralem Stützpunkt der Transsahara-Handelskarawanen saharische, maghrebinische und innerafrikanische Elemente miteinander verschmolzen, sodass ein neuartiges untrennbares Konglomerat entstand, das lokal als „Ghater Kultur“ aufgefasst wird. In den umliegenden Orten hingegen dominiert eine Imajeghen-Bevölkerung, die sich explizit von Ghat und seiner gemischten Bevölkerung abgrenzt.

Entgegen der in der Literatur allzu oft vorkommenden Vereinheitlichungen der Imajeghen ist es heute schwierig, Verallgemeinerungen über alle regionalen Gruppierungen zu treffen. Während es in vorkolonialer Zeit aufgrund der nomadischen Lebensweise wesentlich mehr Gemeinsamkeiten in den alltäglichen Lebenspraktiken gegeben haben könnte, so unterscheiden sich heute Imajeghen durch ihre nationalstaatliche Sozialisation. Unterschiedliche Verkehrssprachen, andere Schulsysteme und Unterrichtspläne, verschieden stark ausgeprägte politische Mitsprache und ökonomische Möglichkeiten, etc. beeinflussten ihre jeweiligen Wert- und Moralvorstellungen, Ansichten, Ziele und Ideale. Ihre Zuschreibungen und gegenseitigen Bezeichnungen orientieren sich heute weniger an tribalen Strukturen, als an staatlichen Konstrukten. So spricht man nicht mehr in Stammesnamen, sondern von „Kel Niger“ oder „libyschen Tuareg“ oder kreiert durch bestimmte Lebensumstände neue Namen, wie z. Bsp. Ishumar, die mit neuen Strategien der Zugehörigkeit agieren.

Tendentiell sind alle Imajeghen trotz vieler interner Widersprüche im Begriff, sich zu einer überregionalen ethnischen Minderheit in mehreren Nationalstaaten neu zu konstituieren. Ihre Sprache gilt dafür als einigendes und definierendes Identitätsmerkmal schlechthin. Das Tamajeq vereint Imajeghen auf kommunikativer und kultureller Ebene als kollektive Entität und grenzt sie dadurch gleichzeitig von anderen ab.

Aufgrund der historischen Bedeutung der Oase Ghat als zentraler Stützpunkt der Transsahara-Handelskarawanen sind saharische, maghrebinische und innerafrikanische Elemente miteinander verschmolzen, sodass ein neuartiges untrennbares Konglomerat entstand, das lokal als „Ghater Kultur“ aufgefasst wird. (Foto: Ines Kohl, Seite 216)

Aufgrund der historischen Bedeutung der Oase Ghat als zentraler Stützpunkt der Transsahara-Handelskarawanen sind saharische, maghrebinische und innerafrikanische Elemente miteinander verschmolzen, sodass ein neuartiges untrennbares Konglomerat entstand, das lokal als „Ghater Kultur“ aufgefasst wird. (Foto: Ines Kohl, Seite 216)

Endnotes

  1. The term Ishumar (sing. masc.: Ashamur, sing. fem.: Tashamurt; plural fem.: Tishumar) derives from the French chômeur, unemployed person, and describes those Tuareg who gave up their nomadic life and went to the surrounding neighbouring states, above all to Algeria and Libya, to look for a job. Ishumar refers to a generation of border-crossers whose living conditions have created special strategies.
  2. Göttler 1989:313.
  3. Die Tuareg nenne sich selbst je nach Dialekt Imuhagh (Algerien, Libyen), Imajeghen (Niger) und Imushagh (Mali). Das “gh” wird als “rollendes r” ausgesprochen.
  4. Ishumar kommt vom französischen chômeur (arbeitslos) und bezeichnet jene jungen Tuareg, die auf der Suche nach Arbeit ihre Nomadenlager verlassen haben und nach Algerien und Libyen migriert sind.
  5. WOLF 1982.
  6. Pfaff-Czarnecka, Joanna, 2003: Lokale Identitäten, Lokalismus und globale Horizonte: Multiple Perspektiven auf Solidarität in einem nepalischen Dorf am Himalaya, Wittgenstein 2000 Working Papers, Band 5: 3.
  7. Ibid.: 4.

 Rezensionen

aus: Geographische Zeitschrift, 96. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 186–187
Autor: Andreas Dittmann
Insgesamt liegt mit “Tuareg in Libyen” ein Werk vor, welches hinsichtlich der Fülle an wertvollen, aktuellen Ergebnissen, der Genauigkeit der Recherche, des Umfangs der den wesentlichen Aussagen zugrunde liegenden Feldforschung, der Identifikation mit dem und der Liebe zum gewählten Thema durchaus den Vergleich mit den ethnographischen Standardwerken von Fuchs, Göttler, Lhote, Nicolaisen oder Spittler erlaubt. Die Autorin hat eine ausgesprochen beachtenswerte Studie aus einem Raum und einer Thematik vorgelegt, die umso interessanter wird, als diese Region aktuell dabei ist, zu einer für Feldforscher immer schwieriger zu erreichenden Welt zu werden.

aus: ZfE, Band 133, 2008 H.1
Autor: Marko Scholze
Eine der großen Stärken dieser Arbeit ist die genaue Kenntnis der Autorin der soziokulturellen und politischen Milieus, in dem sie sich bewegt. Dadurch gelingt es ihr auf eindrückliche Weise, die Vielschichtigkeit und interaktive Beeinflussung des Handels und der Identitätsbildung der untersuchten Akteursgruppen herauszuarbeiten.

aus: Medienspiegel der Maghrebinischen Gesellschaft, März 2007
Die verständlich und lebendig geschriebene Arbeit gibt einen guten Einblick in die Gesellschaftsstrukturen der Tuareg, in ihre Lebensweise und ihre Lebensbedingungen in Libyen, sie enthält aber auch viele Informationen über den Staat selbst.
Ihr Buch enthält viele ausgezeichnete seitengrosse Schwarzweißfotos.


 

 

 

PhD research project

Funding:
University of Vienna research grant for the PhD
Project-Realisation:
Mag. Ines Kohl
Duration:
1/2003–12/2005

Conducted at the Department of Social and Cultural Anthropology, University of Vienna and
the Commission for Social Anthropology at the Austrian Academy of Sciences (AAS)

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